von MinRat i.R. Dr. Hubert ZEINAR

 
Es finden sich nicht viele private Vereine, deren Gründung in der Zwischenkriegszeit nicht einem gesellschaftlichen, sondern in erster Linie einer sozial-kameradschaftlichen Notwendigkeit zu verdanken ist, wie es gerade bei unserer Vereinigung Alt-Neustadt der Fall gewesen ist. Dazu ist es aber notwendig, das historische und persönliche Umfeld und Befindlichkeit der ehemaligen österreichisch-ungarischen Offiziere näher in Augenschein zu nehmen.

Folgen Sie mir daher in eine Zeit, genau in das erste Jahr nach der Beendigung des ersten Weltkrieges und erleben Sie gemeinsam mit mir die Atmosphäre dieser Tage.

Als sie verwundet, enttäuscht, gedemütigt und ohne Illusion nach Hause zurückgekehrt waren, sahen sich die ehemals kaiserlich-königlichen Soldaten mit einem für sie noch nie dagewesenen Problem konfrontiert: Sie hatten erstmals in ihrem Leben national Stellung zu beziehen. Von den rund 34.000 Offizieren, welche die k.(u.)k. Armee beim Zusammenbruch noch zählte, entschieden sich 16.743 für Deutsch-Österreich. Die übrigen stellten sich den anderen Nachfolgestaaten mit ihrem Wissen und Können zur Verfügung. Sie wurden in Ungarn und Polen ohne nennenswerte Probleme übernommen und in Rumänien und der Tschechoslowakei geduldet. Nur in Jugoslawien, wurden die meist kroatischen Offiziere der k.(u.)k. Marine diskriminiert.

Diese Probleme waren allerdings nur der Anfang, die eigentlichen Schwierigkeiten sollten aber mit der Zeit noch kommen.

Das Hauptproblem war wohl das Verhältnis der ehemals kaiserlichen Offiziere zu der jungen demokratischen Republik Österreich. Gewohnt, in einer hierarchisch geführten Armee zu dienen, waren Begriffe wie Militär und Demokratie für sie nur schwer miteinander in Einklang zu bringen, ist doch keine Armee der Welt an sich wirklich demokratisch, beruhen doch Entscheidungen und Entschlußfassung in Streitkräften nicht auf dem Mehrheitsprinzip, sondern auf dem Willen des verantwortlichen Führers, die vom Vertrauen in dessen richtige und profunde Ausbildung und Erfahrung getragen werden. Dazu kam, daß es einiger Umstellung bei den Offizieren bedurfte, um anzuerkennen, daß diese neue Armee, diese republikanischen Streitkräfte, in erster Linie - ja ausschließlich - als ein Mittel zur Verteidigung der republikanischen Staatsform, also als ein nach innen gerichtetes Machtinstrument, vorgesehen war. An sich war diese Aufgabe für eine Armee nicht ganz neu, vergleicht man jene Maßnahmen, die nach dem Revolutionsjahr 1848/49 von Seiten des Militärs ergriffen worden waren und sich in den festungsartig angelegten Defensionskasernen (Arsenal, Rossauerkaserne u.a.) auch nach außen hin sichtbar manifestierten. Was von den ehemaligen k.u.k. Offizieren jedoch die größere Umstellungsfähigkeit und radikales Umdenken erforderte, war die Tatsache, daß nun plötzlich ein vollkommen neuer Offizierstyp gefragt war, dem sie ihrer bisherigen Einstellung entsprechend nicht oder nur mit großer Überwindung und schwerer innerer Anpassungsfähigkeit entsprechen konnten. Es war schon mühsam genug, sich nach einem Leben in einer Monarchie, plötzlich auf ein fremdes System, das sich Demokratie nannte, einzustellen.

In der Monarchie war im unpolitisch agierenden und auf die Person des Obersten Kriegsherren, also des Monarchen, vereidigten Offizier, der geeignetste militärische Führer gesehen worden, dem die Erfüllung der ihm gestellten Aufgaben auch zugetraut wurde. Vom Offizier der republikanischen Streitkräfte wurde aber jetzt genau das Gegenteil gefordert. Nun schwor der Offizier nicht mehr auf die Person des Oberbefehlshabers seinen Soldateneid, sondern es wurde von ihm eine einwandfreie politische Einstellung erwartet. Patriotisch fühlend, politisch denkend, ideologisch ausgerichtet und loyal zum System stehend, sollte er aus rein politischer Überzeugung sein Vaterland verteidigen. Zum Idealtyp der neuen Wehrmacht wurde nun der „politische Offizier“.

Wie sich die Republik Deutsch-Österreich ihre neue Wehrmacht vorstellte, das wurde in dem für beide Parteien, die Christlichsozialen und die Sozialdemokraten, bindend beschlossenen Koalitionsprogramm so formuliert: „Die neue Wehrmacht soll eine demokratische, republikanische Armee sein. Die Armee ist auf die demokratische Republik zu vereidigen. Alle, die in die neue Wehrmacht aufgenommen werden wollen, müssen sich ehrenwörtlich verpflichten, die demokratische Republik zu verteidigen und an politischen Aktionen, die gegen die demokratische Republik gerichtet sind, nicht teilzunehmen.“

Die Politiker der jungen österreichischen Republik waren der Überzeugung, daß einerseits das Heer der Habsburgermonarchie ein „Zwangsheer“ gewesen und andererseits die staatsbürgerliche Umstellung der Bevölkerung noch nicht restlos abgeschlossen sei. Also müsse das Heer bei der Lösung des Problems der „Staatserziehung“ vorangehen. In einem Referat teilte der ehemalige Leiter des Staatsamtes für Heerwesen, Generals a.D., Dr. Theodor Körner (1873-1957), seine Vorstellungen vom politischen Auftrag eines österreichischen Heeres mit: „Es erfüllt damit eine ganz selbstverständliche historische Forderung, die jedes Staatswesen nach einem Umsturz und bei einer Neubildung zu erfüllen hat, nämlich das Machtinstrument in die neue Richtung einzustellen, um diese selbst zu sichern. Andere Revolutionen beseitigen im Heere die Anhänger des alten Regimes so oder so.“

Sich auf diese neue Art der Berufsauffassung einzustellen und dem geforderten Typ zu entsprechen, fiel den ehemals kaiserlichen Offizieren nicht gerade leicht. Außerdem zeigte sich die Regierung Deutsch-Österreichs nicht besonders bereit, die nun nationalisierten und ehemals kaiserlichen Offiziere mit offenen Armen zu empfangen. Dies wäre auch rein rechnerisch gar nicht möglich gewesen, denn wo sollte eine so große Zahl von Offizieren in einem so kleinen bewaffneten Körper versorgt werden? Ganz abgesehen davon, daß man von der republikanischen Einstellung und daher der Loyalität dieser monarchistisch gesinnten Herren nicht sonderlich überzeugt gewesen war. Also galten sie als die Träger der habsburgischen Reaktion, daher vorläufig einmal als unzuverlässig und waren schon deshalb suspekt. Die Angst vor einer aristokratischen Herrenklasse, die man im Selbstverständnis des Offiziers begründet glaubte, war nicht unerheblich. Deshalb wollte man diesen Anfängen wehren. Aus diesen Überlegungen heraus wurden als eine der ersten Maßnahmen einmal fast alle Generale der alten Armee in den Ruhestand versetzt, während Beamte dagegen, selbst in den höchsten Rängen, problemlos in den neuen Staatsdienst übernommen wurden.

Das Offiziersein und das Korps als solches konnte man aber nicht wie den Adel einfach abschaffen. Die Spielarten moralischer Sanktionen waren jedoch weit gestreut, was bestens dazu geeignet schien, den Offizier schlechthin vor der Nachwelt zu verurteilen. Also wurde eine parlamentarische „Kommission zur Erhebung militärischer Pflichtverletzungen“ geschaffen, der in den drei Jahren ihres Wirkens, von 1919 bis 1923, 484 Anzeigen zur Behandlung vorgelegt wurden, wovon rund 60 Akte auf Grund von Zeitungsmeldungen angelegt wurden. Bei der Beurteilung dieser Fälle stellten sich sofort 325 dieser Vorgänge als zur Verfolgung ungeeignet heraus. In zwölf Fällen ergaben sich Anhaltspunkte, die wohl grobe militärische Pflichtverletzungen rechtfertigen konnten, deren strafrechtliche Verfolgung jedoch nicht gerechtfertigt erschien. Schließlich wurden 147 Fälle der Staatsanwaltschaft übergeben, von denen nur 40 höhere militärische Führer betrafen. Davon war jedoch einer gefallen, sechs hatten für andere Nachfolgestaaten optiert und waren somit Ausländer geworden und bei 25 wurde das Verfahren eingestellt. Nur in acht Fällen wurden Gerichtsverfahren eingeleitet, die mit zwei Verurteilungen endeten. Damit hatte sich die Auseinandersetzung des neuen Staats mit den Offizieren der alten Armee auf die Ebene des Gerichtssaales verlegt. Ein Beweis der überaus hohen menschlichen und moralischen Qualität des Offizierskorps Österreich-Ungarns, aber auch für die hohe Ehrenhaftigkeit des neuen Staatswesens, das gezeigt hatte, nicht gewillt zu sein, die Grundsätze der Gerechtigkeit gegen politisches Kleingeld einzutauschen!

Allerdings ging diese Kampagne teilweise auch nach hinten los. Die Ergebenheit der Offiziere ihrem neuen Vaterland gegenüber wurde durch die Untersuchungen und Gerichtsverfahren nicht gerade gesteigert, zumal der Offizier sich gezwungen sah, sich von vielen Vorwürfen und Anschuldigungen reinzuwaschen und - vice versa - der staatlichen Wertschätzung plötzlich verlustig wurde. Wer noch vor einem Jahr von den Zeitungen als Held gefeiert wurde, der sah sich plötzlich in Gesellschaft von Kriminellen und wurde auch als ein solcher behandelt. Aber nicht nur mit Untersuchungskommissionen wurde gegen die Kriegsteilnehmer vorgegangen, sondern es wurde ihnen auch das Tragen der vor dem Feind erworbenen Kriegsauszeichnungen verboten, ganz zu schweigen von den täglich auftretenden Beschimpfungen durch eine radikalisierte Bevölkerung.

Der Militärakademiker Egon Pechaczek schreibt am 13. November 1918 in sein Tagebuch:
„Nachmittags nach langer Zeit wieder freier Ausgang in der Stadt. Die Häuser rot-weiß-rot beflaggt.
Auf den Straßen betrunkene Soldaten und Matrosen mit roten Kokarden. Dazwischen Marineoffiziere in desolatem Zustande. Am Hauptplatz [von Wiener Neustadt. Anm. d. Verf.] ein fliehender Regimentsarzt. Hinter ihm her eine brüllende Menge. Schließlich fassen sie ihn, reißen die Sterne ab, zerfetzen seine Kappe und prügeln den laut Schreienden.
Nächst dem Postamt wiederholt sich Gleiches! Hier werden ein Oberleutnant und ein Stabsoffizier verprügelt.“

Tag für Tag wurde das herabgesetzt, wofür diese Offiziere gelebt und gekämpft hatten. Als sie dann, an Leib und Seele zerbrochen heimkehrten, hatten für sie die Heimat, für die sie den Kopf hingehalten hatten, nur Hohn und Spott, Anschuldigungen und Verleumdungen über. Ein solcher „Dank des Vaterlandes“ war von ihnen nicht erwartet worden. Wen wundert es da noch, daß es zwischen Anfang 1919 und 1920 zu einer großen Auswanderungsbewegung von Offizieren gekommen ist.

Und hier schlug die Geburtsstunde der „Vereinigung Alt-Neustadt“. Mit der Gründung dieses Vereins im Jahre 1919 sollte ein wenig Abhilfe geschaffen werden. Gleich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem damit verbundenen Zusammenbruch des Vielvölkerstaates bestand unter den ehemaligen Neustädter Offizieren das Bedürfnis, nicht nur all denen eine soziale Stütze zu geben, die ihren Beruf verloren und noch immer keinen finden konnten oder sonstwie unverschuldet in Not geraten waren, sondern sich auch wieder eine neue geistige und kameradschaftliche Heimat zu geben. All das wurde recht deutlich im Zweck des Vereines ausgedrückt:

  • * Pflege des kameradschaftlichen Geistes und der alten Neustädter Tradition
  • * Schutz der Sammlungen der ehemaligen Akademie
  • * Fortsetzung des biographischen Werkes von Svoboda
  • * Unterstützung einzelner bedürftiger Mitglieder
 
 
 
 


Mit Erlaß vom 3. Mai 1920 wurde die Vereinigung behördlich genehmigt. Als Ehrenpräsidenten konnten Feldmarschall Franz Conrad von Hötzendorf (1852-1925) und der ehemalige k.k. Minister für Landesverteidigung, Generaloberst Friedrich Freiherr von Georgi (1852-1926) gewonnen werden.

Ursprünglich war die Tätigkeit der Vereinigung nur auf Wien beschränkt. Mit Datum vom 26. April 1923 stellte Alt-Neustadt jedoch den Antrag, seine Tätigkeit auch österreichweit auszudehnen zu dürfen, d.h. „... auch Zweigstellen in den größeren Städten der Bundesländer ...“ zu errichten, was behördlicherseits auch genehmigt wurde, sodaß die ab dem 30. April 1923 geltenden Satzungen unter dem Punkt I. „Sitz und Tätigkeit“ schon auf „Der Verein führt den Namen „Alt-Neustadt“ und besteht aus Ortsgruppen in Wien und in den größeren Städten der Bundesländer. Er ist ein streng unpolitischer Kameradschaftsbund“ abgeändert werden mußten.

In der am 9. November 1928 stattgefundenen Generalversammlung wurde die Art der Mitgliedschaft erweitert und der Behörde zur Genehmigung vorgelegt. Konnten bis dahin „... ehemalige Neustädter Militärakademiker (Zöglinge), dann Kommandanten und Lehrer der Akademie ...“ als Mitglieder aufgenommen werden, wurde nun der Kreis um „... die aus dem ehemaligen Akademiekurse in Wiener-Neustadt im Jahre 1917 hervorgegangenen Berufsoffiziere [des Bundesheeres der Ersten Republik (Anm. d. Verf.)] ...“ werden.

Wie eng schon damals der Verein mit der Führung des Bundesheeres verbunden war geht daraus davor, daß das Bundesministerium für Inneres und Unterricht, den auf den Antrag folgenden Akt, am 21. Juni 1929 dem Bundesministerium für Heerwesen „Zur Einsicht vor Hinterlegung“ mit dem Bemerken weitergeleitet, daß die Statuten keinen Anlaß zur Beanstandung bieten.

Nun war Alt-Neustadt, auch offiziell, in der Lage, seinem Vereinszweck im ganzen Bundesgebiet nachzugehen.